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HOHES WASSER? HOCHWASSER! Chronik des Elbehochwassers im August 2002 am Laubegaster Ufer28 Von Ximena León Pellegrin mit Unterstützung von Margarita Pellegrin
Montag, 12. August Seit Sonntag Nachmittag regnet es ununterbrochen. Am Montagmorgen sind 8 Stufen der Treppe auf der Böschung zu sehen. Das ist normales Hochwasser - die Welt ist noch in Ordnung. Gegen 21.30 Uhr wird Katastrophenalarm ausgerufen und die Schließung der Schulen bekannt gegeben. Um Mitternacht ist die letzte Stufe der Böschungstreppe mit Wasser bedeckt.
Dienstag, 13. August Ich habe kaum geschlafen. Um 4 Uhr früh steht am Nachbarhaus das Wasser bereits auf der Strasse. Zum ersten Mal sehe ich Bilder aus Glashütte. Um 6 Uhr schwappt es auf der Strasse vor unserem Grundstück. Ein paar Enten schwimmen vor dem Tor. 8 Uhr gelangt man nur noch mit Gummistiefeln auf die Uferstrasse. Es regnet auch am Dienstag unverdrossen weiter. Das letzte Telefonat ist gegen 8.30 Uhr registriert. Irgendwann danach haben wir keinen Strom mehr. Etwa ab 10 Uhr beginnen wir am Tor ein Damm zu bauen. Vorher bringe ich Lena zu ihrer Freundin, ich werde wohl keine Zeit für sie haben heute. Sandsäcke scheint es nirgends zu geben, also füllen wir alle aufzutreibenden Müll- und Einkaufstüten mit Gartenerde. Am Nachmittag schwappt das Wasser leicht in den Vorderhof, wir besorgen noch mehr Tüten. Abends sitzen „die Älteren“ mit Kerzen und Wein in der 1. Etage. Ich verschwinde mit Lisa in die Nähe zu einer Freundin. Ich kann kein Wasser mehr hören. Die anderen halten mich für überängstlich.
Mittwoch, 14. August Die ganze Nacht sitzt und wartet meine Mutter auf die vielleicht große Flut. Wie die aussehen soll, kann sich keiner vorstellen. Beim ersten Tageslicht steht sie im Hof und registriert: der Wasserspiegel ist nicht gestiegen. Gefüllte Müllsäcke liegen vor dem Tor wie am Abend zuvor. 'Da sind wir vielleicht noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.' Wie es sonst in der Welt aussieht weiß niemand von uns – noch immer keine Elektrizität – noch immer kein Telefon, kein Radio, kein Fernsehen, keine Informationen. Im Laufe des Tages steigt das Wasser nur mäßig. Doch stündlich neue Daten von besorgten Nachbarn – das Wasser soll noch 40 cm steigen – das Wasser soll noch weitere 50 cm steigen, das Wasser…
Wir reagieren mit neuen gefüllten Müllsäcken, dem Kauf einer zweiten Pumpe für den Vorhof (die erste arbeitete mit einem Notstromgerät des Nachbarn, an das wir uns zu diesem Zwecke mit anschließen durften, bereits den ganzen Tag im Keller) und dem Bau von massiven Mauern vor Atelierfenstern und Haustüren. Jetzt fühlen wir uns sicher in unserer Festung und für einen kurzen Augenblick kommt eine fast fröhlich zu nennende Stimmung auf. Davor bringe ich Lisa auf die andere Elbseite zu Freunden. Lena bleibt in der Nähe bei ihrer Schulfreundin. Plötzlich erscheinen zahlreiche Nachbarn mit Schubkarren gefüllter Sandsäcke – endlich Sandsäcke! Umständlich schleppen Männer, Frauen und Kinder die lang ersehnte Last. Und noch einmal messen wir nach: auch bei einem Meter bliebe das Wasser unter den Fenstern. Dann kurz nach 18 Uhr der Schock: Unser Nachbar, der wie wir alle am Ufer den ganzen Tag an der Sicherung seines Anwesens gearbeitet und uns immer helfend zur Seite gestanden hatte, stürmt in den Hof und sagt: "Hört auf, es hat keinen Zweck. Jetzt kommt es ganz dick!" Wir sind ziemlich getroffen, von Kopf bis Fuß voller Dreck und durchgeweicht. Wir haben uns vom Schreck noch nicht erholt, als sich zum ersten Mal in all diesen Tagen die Polizei blicken lässt und uns auffordert, das Grundstück sofort zu verlassen und uns in Sicherheit zu bringen. Man hat uns am immer reißender werdenden Strom nicht vergessen… Und doch ist es zu spät. In der beginnenden Dunkelheit ziehen wir uns hastig um und versuchen zu denken, was wohl wichtig wäre mitgenommen zu werden – vielleicht Dokumente, Fotos, ein paar von den kleinen Nichtigkeiten, die nichts wert sind, aber an denen das Herz hängt… Als letztes füllt meine Mutter Futter in den Napf ihrer beiden Katzen, öffnet ihnen für das Unvorstellbare die Bodenluke und überlässt die beiden Tiere ihrem Schicksal. In unserem Garten trinken wir hilflos mit Nachbarn einen Schluck chilenischen Pisco, aufbewahrt für fröhlichere Runden. Ein letzter Schreck – oben an der Österreicher Straße, weit weg von der Elbe – Generatoren, Flutlicht, Feuerwehr, Polizei, riesige Schlauchboote, hektisches Treiben… Jetzt wird es zur Gewissheit, dass es mehr sein wird als ein starkes Hochwasser. Nun ziehen die restlichen, tapferen Familienmitglieder, bei unseren Freunden ein. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir für sehr lange Zeit nicht mehr zu Hause wohnen werden.
Donnerstag, 15. August Der erste Gedanke: Was ist passiert in dieser Nacht?! Meine Eltern schleichen sich zeitig aus dem Haus. Dann endlich die Gewissheit - das Haus steht 1,50 Meter im Wasser! Am Schlafzimmerfenster meiner Mutter schreit eine ihrer Katzen. Sie ist nur erschrocken, das Wasser hat die erste Etage noch nicht erreicht. Trotzdem: die Tiere müssen da heraus und sie muss da hinein, sehen, wie es innen aussieht, was trocken geblieben ist, was noch zu retten ist. Zuerst noch ein paar Papiere, ein Buch, ein paar CDs. Dann die Katzen, ruhig lässt sich der alte Kater durchs das Wasser tragen, hysterisch kratzend die Mieze.
Das Wasser steigt sanft und stetig. Wieder und wieder gehen sie ins Haus, dann mit Leiter durch die Fenster in die obere Etage, das Erdgeschoss ist bereits voll gelaufen und damit ihre beiden Ateliers mit so ziemlich allem, was darin ist, dem großen Lichttisch, dem Schneidetisch, zahlreichen Videos, Filmen, einer umfangreichen Plakatsammlung, und, und, und. Das Erdgeschoss ist verloren. Sie bleiben den ganzen Tag am Haus. Alle Nachbarn auch. Man kann nur noch auf großen Umwegen zueinander kommen, das Wasser steigt und steigt. Stündlich hoffen wir auf einen Stillstand, auf ein kleines Zeichen, daß das Wasser nicht weiter steigt. Gegen Mittag bin ich "am Haus". Vom hinteren Grundstück sehe ich die Hälfte meiner Küche im Wasser. Ich denke an die Kunst meiner Eltern, daran, dass sie ihr Leben in diesem Grundstück aufbewahren und kann zum ersten Male meine Tränen nicht zurückhalten. Sie haben, solange es irgendwie möglich war, Zeichnungen nach oben geworfen auf den wackligen Boden, mein Vater zuletzt mit einem Schlauchboot der Feuerwehr, um zu retten was zu retten ist – darunter auch eine komplette Sammlung von japanischen Holzschnitten aus den 18. und 19. Jahrhundert, vorgesehen für den Samstag mit Kunst am 24. August in Pirna, geliehen von einem Freund, nicht versichert… Der Abend trifft uns erschöpft an, auch zuversichtlich, dass das Schlimmste nun überstanden, alles getan, was in so einer Situation möglich ist. Wir sitzen mit Freunden im Trockenen und trinken eine Flasche Wein, bemüht, uns gegenseitig Hoffnung zu machen. Doch der Tag ist noch nicht zu Ende, kurz nach Mitternacht ein undeutlicher Polizeianruf. Ich renne auf die Straße und versuche Informationen zu bekommen. Keiner hält, alles ist in Eile. Ein freiwilliger Helfer weiß von nichts. Nur, dass jede Information bisher schlimmer war als die davor. Dann ein Hamburger Polizeijeep. Auch sie wissen nichts, geben mir die Notrufnummer. Der Anruf: Wir wissen nichts, aber holen sie ihr Kind und verlassen sie das Gebiet. Aus dem Bett ihrer Freundin trage ich die schlaftrunkene Lena ins Auto. 10 Minuten später die letzte Aufforderung: Bitte verlassen sie sofort ihre Häuser. Das Gebiet wird in Kürze überschwemmt. Wir haben nicht viel zusammenzupacken, aber unsere Nerven sind am Ende. Kurz darauf sitzen wir im Auto und fahren über den letzten, schon aufgeweichten Damm Richtung Stadtzentrum. Vorn unser Auto mit Tomi, Lena, meiner Freundin und ihrer Tochter, ich zitternd am Steuer. Hinten im Auto meine Eltern mit einer Freundin, die in letzter Minute zu uns kam. Die Katzen bleiben in der leeren Wohnung, reichlich mit Futter eingedeckt. Wieder richten wir uns für ein paar Tage bei Freunden ein. Während der ganzen Nacht und auch der darauf folgenden heulen die Sirenen der Krankenwagen – die Universitätsklinik wird über die letzte verbleibende Brücke evakuiert in Richtung Flughafen – ein akustisches Schreckensszenarium wie aus einem Hollywood – Katastrophenfilm.
Freitag, 16. August Die Elbe steigt. Zum ersten Mal seit Tagen sehen wir, wie es in anderen Regionen aussieht, welche Ausmaße die Flut angenommen hat. Das Stadtzentrum teilweise überflutet. Was noch trocken ist beherbergt Sandsäcke, Schlauchboote, Schwimmpanzer, Polizeiwagen, aber auch viele, viele Helfer und die unausbleiblichen Katastrophentouristen, bewaffnet mit Fotoapparat, Videokamera, Regenschirm. Aber auch da betroffene Gesichter. Die Nerven liegen blank: Bald wird die letzte Brücke geschlossen und wir sind zu viele auf einen Haufen. Tomi hat sein Motorrad gerettet und wir versuchen im Konvoi auf die andere Elbseite zu Lisa zu gelangen. An der ersten Brücke scheitern wir: Nur für Versorgungsfahrzeuge frei. Keine Ampel funktioniert, überall Stau. Mein Kind sitzt übermüdet neben mir, also muss ich vorsichtig sein. Und trotzdem, jede Verkehrsregel ist heute aufgehoben, also kein Unfall provozieren, der Rest ist egal. Auf der anderen, trockenen Seite ist es nicht weniger chaotisch. Alle Hauptstraßen sind gesperrt, voll mit Krankenwagen, Feuerwehr, Polizei. Also hinein in die Nebenstraßen. Ausweichen, warten, nicht verzweifeln. Geräusche von Sirenen - unvorstellbar. Aber ich muss ankommen, ich bin am Ende. Dann sind wir dankbar, sicher und im Trockenen zu sein, aber auch in großer Sorge um all die Zeichnungen, Bilder, Objekte und Dinge, die wir im Haus wissen und die unwiederbringlich sind - das Lebenswerk meiner Eltern. Das Haus ist alt, nicht mehr stabil, müde. Es hält die Flut nicht aus. Anderswo dasselbe, überflutete Landschaft, überflutete Häuser, überflutetes Glück.
Sonnabend, 17. August Unglaubliche 9,40 Meter hat die Elbe erreicht. Auch das Atelierhaus meines Vaters in Pirna, ebenfalls voller Bilder, Grafiken, Skulpturen, in den Fluten versunken. Dort steht die Elbe noch höher. In den Medien sind die Orte kaum noch erkennbar unter den Wassermassen. Keiner weiß, ob unser Zuhause noch existiert. Die Freundin, die uns nun aufgenommen hat, fährt heimlich "nachsehen". Gegen 18 Uhr nimmt sie uns mit: Es steht! Das alte Haus hat ausgehalten, tief im Wasser, bis zur "Brust", aber es hat sich dem Strom gestellt.
Sonntag, 18 August Das Wasser sinkt, unglaublich, es sinkt wirklich. Die Sonne scheint, ein schöner Tag. Meine Eltern versuchen, nach Laubegast zu kommen, es ist noch zu früh, der Weg ist noch nicht frei. Sie fahren zum ersten Mal zur anderen Elbseite, zu uns. Ein schöner Tag. Als wären Wochen vergangen. Auch sie wollen endlich wissen, ob ihr Haus noch steht. So weit wie möglich fahren sie auf der Pappritzer Elbseite an unser Haus heran. Winzig und unscharf ist es zu sehen im Flimmern der Dunstschicht über den Fluten. Alles mag nass sein, vielleicht unbrauchbar, aber erst einmal gibt es Hoffnung!
Montag, 19, August Wir kaufen Reinigungsmittel, Desinfektionsmittel, suchen nach Gummistiefel. Knapp 2 Stunden Fahrt für 7 Kilometer in einer Stadt ausser Rand und Band. Ein fremder, beißender Gestank liegt über der Laubegaster Uferzone. Wir steigen über verschiedene Sandsackbarrieren, alle nutzlos, wie über Barrikaden und nähern uns über Umwege durch Gärten unserem Haus. Mit Sandalen oder - die Glücklicheren - mit Gummistiefeln staken wir durch zähen, knöchelhohen Schlamm. Nachbarn, vor uns angekommen, versuchen, diesen Schlamm in die Elbe zu schippen. Die Uferstraße ist noch überschwemmt, ein Teil der Elbe. Unser Hof steht bis über die Knie voll Wasser, Türen und Fenster sind so verquollen, dass wir sie nur mühsam öffnen können und einige Scheiben eindrücken müssen, um das im Haus verbliebene Wasser abfließen zu lassen. Trotz der Sommerhitze ist es kühl, vielleicht stehen wir auch unter Schock, wir frieren im schlammigen, nassen, dunklen Haus, das vertraut und doch so fremd ist, Chaos im Erdgeschoss, absolutes Chaos. Im Obergeschoss Unordnung unter der Wassergrenze bis etwa 60 cm, fast unberührt die Dinge darüber.
Dienstag, 20. August
Plötzlich ist das Haus, ist der Hof, der Garten voller Leute. Ich weiß bis jetzt nicht, wie und woher. Wir haben kaum Zeit, den Schaden zu betrachten. Um mich wird ausgeräumt. Alles raus. Und getrocknet. Sicherlich dauert das ein paar Tage, vielleicht auch ein paar Wochen. Bewegt sieht meine Mutter im Hof plötzlich meinen schönen alten Küchenschrank , meinen Tisch, meine Anrichte, Stühle, Töpfe, Geschirr, Telefon, Kinderspiele, alles durcheinander, alles kaputt, verschlammt, nass, stinkend - der Hausrat ihrer Tochter dahin. Dann auch ihre Sachen – Möbel, Grafiken, Kleidung… Langsam wird klar, dass diese Dinge alle weggeworfen sind, unbrauchbar, verdorben. Mit dem Rückgang des Wassers türmen sich auf der Uferstraße unsere unbrauchbar gewordenen Gegenstände und die unserer Nachbarn langsam zu unpassierbaren Barrikaden. Kühlschränke neben Bettwäsche, die Puppe neben Möbelteilen; der erste Bauschutt und der, hoffentlich, letzte Schlamm. Vielleicht muss das Haus abgerissen werden. Es sieht aber gar nicht so schlecht aus. Wenn nur dieser Schlamm nicht wäre. Mutter denkt: Ich will es saubermachen und trocknen lassen. Auch alles was drin ist soll gesäubert werden. Später erzählt mir jemand, eine junge Fotografin der dpa hätte heulend vor unserem Haus gestanden... Sie war nicht die letzte.
Mittwoch, 21. August Wir haben es nicht bemerkt, aber schon mehr als eine Woche dauert unsere Flutodyssee. Wir holen aus den dunklen, verseuchten Räumen unglaubliche Dinge heraus: Grafiken, Zeichnungen, Fotos, Bücher, Dokumente, Puppen, Schuhe, verstreute Schmuckstücke, Bilder, Stoffe, Zeichenpapier…, alles in Schlamm verpackt, manchmal wie darin konserviert. Langsam organisiert sich die Arbeit. Viele bekannte Gesichter sehe ich, aber auch viele völlig unbekannte. Noch immer werden Sachen aus dem Haus geworfen, getragen, geschleift, mehr oder weniger beschädigt und traurig anzusehen.
Donnerstag, 22 August Der Tag gleicht dem Vortag, nein, er gleicht ihm nicht, andere Gesichter, andere Zeichnungen, die gleichen Probleme, es ist schmutzig, es ist heiß, es stinkt, inzwischen sind einige von uns gegen Hepatitis geimpft, wir sind gereizt, wir sind zuversichtlich, wir sind gleichgültig, wir sind müde, das Haus spuckt mehr und mehr Papiere aus, immer wieder verdreckte Zeichnungen, sie stinken nach Fäkalien und Öl und der Schlamm fühlt sich auch an wie Scheiße. Neue Dokumente, die konserviert werden müssen - nein, diese Papiere nicht, die wollte ich eh wegwerfen – langsam weiß ich nicht mehr wo was ist, wer was gemacht hat, wohin die vielen gewaschenen Zeichnungen gekommen sind. Gleichzeitig beginnen die ersten Abrissarbeiten, Fußböden, Decken, Dielen, Zwischendecken, Putz, Mauerwerk, Fenster, Türen werden die Opfer; das Haus muss entkernt werden, es muss trocknen, es muss trocknen, es muss trocknen.
Sonnabend, 24. August Heute wäre der "Samstag mit Kunst" in Pirna gewesen. Alles war vorbereitet, Ausstellungen, Konzerte, Theater. Statt dessen: Müllberäumung, Hausentkernung, ausräumen, waschen, waschen. Kein Strom, keine Technik, aber Helfer. Es geht alles langsam und mühselig voran, alles ist nass, klitschig, überall zieht es, es gibt gemütlichere Orte als das Atelierhaus von Hernando León. In Dresden – Laubegast wird die Technik meiner Eltern entsorgt. Der Schneidetisch wird von versierten Jungs auseinander genommen und am Ende zersägt, weil er sonst zu schwer wäre zum Hinaustragen. Das gleiche Schicksal teilt der große Lichttisch auf dem unzählige Zeichnungen entstanden sind und der eigentlich ein anderes Ende verdient hätte. Stattdessen hat er von selbst aufgegeben und ist unter der Last von eingeschlossenem Wasser und darauf liegenden Grafiken mit lautem Knall zusammengebrochen.
Sonntag, 25. August Heute zählen wir zum Mittag 25 Frauen und Männer. Nicht alle sitzen am Tisch. Irgendwann vor ein paar Tagen ist unsere "gute Fee" erschienen: Jeden Tag bekommen wir literweise Kaffee und köstliches warmes Essen. Jede Pause ähnelt einem Studentenseminar, eine unerwartete Fröhlichkeit und Energie liegt in der Luft. Wie aus Zauberhand gibt es auch Kuchen, Kekse, Schokolade… Nur Neuankömmlinge benötigen Trost. Wir sind glücklich über derart undenkbare Menschlichkeit – in dieser Hinsicht geht es uns tausendmal besser als jedem "trocken gebliebenem".
Montag, 26.August Eine Firma aus Würzburg bietet Hilfe an, ein Konzept, das Erdgeschoss zu trocknen und gegen künftige Überschwemmungen zu wappnen. Wir waren doch fast fertig, fast alles weggeklopft, frei gemacht… Unser Haus sieht inzwischen wie ein Vogelbauer aus, vom Erdgeschoss kann man bis an die Decke der oberen Wohnräume sehen. Hastiges Nachfragen am Handy: Wir probieren es, kann ja nicht schaden, Skepsis bei unseren "Bauleitern".
Dienstag, 27. August Eigentlich rechnen wir damit, dass die erste Welle von Freiwilligen zu Ende geht. Aber viele sind da, auch "Neue". Teilweise müssen wir sie weiterschicken. Sogar unserer "guten Fee" sagen wir ab. Bald beginnt die Trocknungsphase, das große Warten…
Mittwoch, 28. August Es wird ruhiger, die Firma arbeitet, alles scheint organisierter. Nur der Müll vor dem Haus ist noch immer nicht geräumt. Aber heute schaffen sie es bis zu uns… Bis zum Abend werden sich die Bagger links und rechts bis zu unserem Haus vorgefressen haben. Bis dahin muss jeder Zementsack, jedes Gerät weiter über die Nachbargärten per Hand geschleppt werden. Ungläubige Gesichter der Profis: Hast du hier gewohnt?
Donnerstag, 29. August Die Firma aus Würzburg hat ihr Werk getan und ist gen Westen abgereist. Sie haben den Dreck an Wänden und Fußböden weggekärchert. Wie aber wird der alte Sandstein auf die neuen Materialien reagieren?
Freitag, 30. August Die ersten Bewohner kehren zurück: Endlich holen wir die Katzen, doch es dauert, bis sie etwas an ihrem zu Hause erkennen. Keine Böden, keine Möbel, kein Geruch zur Orientierung. Sie balancieren erstaunt von Balken zu Balken, nicht mehr lange auf denselben, denn sie müssen alle ausgetauscht werden. Die 250 Jahre fordern ihr Tribut.
Unser Haus betrachten wir jetzt mit einem gewissen Respekt, es steht da, arm und nackt, aber es hat die Flut überstanden. Wir bauen es einfach wieder auf... Noch immer staunen Passanten, dass wir nicht aufgeben. Aber wie könnten wir? Es gibt für uns keinen schöneren Ort für Familie, Arbeit, Leben. Und Freunde. Alte und Neue. Die vielen Helfer und Spender - bekannte und unbekannte - haben uns die nötige Kraft geschenkt. Mit der Flut kam auch der Mensch zum Menschen, unverlangt, unerwartet, unbegreiflich. Es fällt schwer, die richtigen Worte für unsere Dankbarkeit zu finden. Im Namen der ganzen León - Pellegrin - Weber - Familie sage ich Euch/Ihnen deshalb einfach: DANKE!
Dresden-Laubegast, November 2002 Fotos: Ximena, Inger, Pepe
P.S.: Auch 2006 haben wir um unsere Häuschen gekämpft, aber diesmal mit Erfolg. Wenn ihr Glück habt, lässt sich der Link zur ZDF-Reportage vom 4.4.06 öffnen, die mit unserem "Wall" beginnt und endet. Tipp: unter der Zeile "im Vollbild anzeigen" (was ich nicht empfehle), kommt die Zeile "Einstellungen ändern". Bei mir läuft der Film nur im RealPlayer... |
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